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HipHop - die derzeit wichtigste Jugendkultur
- HipHop (bestehend aus den Teilbereichen Rap, Graffiti, Djing, Breakdance) gilt heute als die wichtigste und am weitesten verbreitetste Jugendkultur. Durch meine Erfahrungen in der Praxis und meiner aktiven Tätigkeit als Künstler konnte ich immer wieder feststellen, dass eine Mehrzahl der Jugendlichen und Kinder sich über Musikgeschmack, Kleidung und Sprache der HipHop Kultur direkt zugehörig oder indirekt wenigstens nah fühlt und HipHop in unterschiedlichsten Ausprägungen Gesprächsthema sein kann. HipHop hat einen integrativen Charakter und fügt unter seinem Deckmantel unterschiedliche Herkunft, verschiedenste Lebensgeschichten und kulturelle Differenzen zusammen. Auf der anderen Seite grenzen sich durch den sehr stark ausgeprägten, hiphop-internen Wettbewerbsgedanken Gruppen, Crews, Lables oder ganze Stadtteile voneinander ab, wobei ein in der HipHop Geschichte einst so wichtiges Schlagwort wie „gegenseitiger Respekt“ kaum noch Bedeutung hat.
- Die deutsche Raplandschaft gleicht dabei oft einem Schlachtfeld, auf dem jeder jeden anderen vernichten, battlen oder in irgendeiner Form bekriegen möchte. Andere Stimmen, die fernab dieses Trends liegen, kommen leider nur noch selten zu Wort. In der Praxis konnte ich die Erfahrung machen, dass durch Medien bekannte HipHop Künstler (in diesem Fall Rapper) oftmals von den Jugendlichen bewundert werden und Identifikationsfiguren sind. Die durch die Medien transportierten Bilder werden meist sehr unreflektiert und einseitig wahrgenommen. HipHop Kultur wird dabei auf die immer gleichen wiederkehrenden Klischees reduziert (Gangsterimage, Statussymbole wie Autos, Drogen und Waffen, Kleidung und der männliche-chauvinistische Traum von der permanenten Verfügbarkeit von Frauen, die aus dieser Perspektive nur noch als Sexobjekt gesehen werden.) Diese HipHop Stereotypen und die dazugehörigen Normen und Werte werden vor allem durch die Medien für ein auf Konsum ausgerichtetes Massenpublikum zugänglich gemacht.
- Kinder und Jugendliche, die medienpädagogisch heutzutage viel zu wenig begleitet werden, übernehmen die Sprache und Attitüde dieser Vorbilder und tragen sie weiter in ihre Familienhäuser, in ihren Freundeskreis und in die Schule. Sie übernehmen die oftmals aggressive und sexistische Sprache ihrer Vorbilder, um vermeintlich Stärke zu zeigen.
- Es bestehen mittlerweile große Unterschiede zwischen einem HipHop Mainstream, der Teil der Popkultur geworden ist und einer sehr lebendigen, facettenreichen und immer noch der Subkultur verhafteten Szene. Beides sind Aspekte und Ausformungen von HipHop Kultur und Ergebnis einer mittlerweile knapp 30 jährigen Geschichte.
- Bezüglich ihrer Musiksozialisation bewegen sich die Jugendlichen zwischen diesen beiden Polen, obwohl der Anteil derjenigen, die HipHop nur als eine durch Medien verbreite Musiksparte erleben immer größer wird. Der direkte Zugang und die aktive Auseinandersetzung und Beschäftigung werden weniger, weil HipHop oftmals nur noch als massentauglich – vermarktetes Konsumgut hingenommen wird, das man eher vorgesetzt bekommt, als dass man es selber entdecken und erleben kann. Direkter Zugang bedeutet in diesem Fall das Zusammenkommen auf HipHop Partys in Jugendzentren, Musik selber suchen und finden in Plattenläden, Fanzines lesen, sich auf speziellen Internetseiten informieren, sich in HipHop-Foren austauschen oder das Lernen von erfahreneren Mitgliedern der Szene; alles Punkte die mit Gleichgesinnten gemeinsam erfahren werden können und die über die bloße Beschäftigung mit den „neusten Videoclips“ hinausragen.
- Aus diesem Grund ist die Beschäftigung mit den Wurzeln dieser Musikrichtung neben den sprachlichen Aspekten bezüglich des Rappens auch Teil des Projekts. HipHop entstand in den urbanen Ghettos von New York, brachte durch seine sog. Blockpartys die schwarze und hispanische Bevölkerung zusammen, bot eine kreative Alternative zum harten Leben in einer Großstadtmetropole. Durch die unterschiedlichen Disziplinen konnte man sich verschieden ausdrücken, sich beweisen und „einen Namen machen“. Auch wenn HipHop als Partybewegung der schwarzen Bevölkerung begann hatte diese neuartige Kunstform erhebliches soziales Potential. Es ging um positiven Wettbewerb und den Respekt vor dem Können des anderen. Es war Sprachrohr, vermittelte szeneinterne Normen und Werte und war in Bezug auf die Probleme der Menschen sehr lebensweltorientiert (soziale Unterschiede, Ungerechtigkeit, Diskriminierung, Kriminalität, Perspektivlosigkeit usw.)
- Dabei lässt HipHop die unterschiedlichsten Ausdrucksmöglichkeiten zu, zu denen Tanzen (Breakdance - Körper und Bewegung), Rappen (Sprechgesang, Lyrik, Sprechrhythmik), Graffiti (kreatives Gestalten) und Djing (der Umgang mit Platten, Auflegen, Musik produzieren) gehören. Diese grundlegenden Pfeiler der HipHop Kultur spricht den Menschen in seiner Ganzheit an. All diese Elemente können ohne große Vorkenntnisse quasi autodidaktisch „auf der Straße“ gelernt werden. Jeder hat die gleichen Chancen innerhalb dieser Kultur sich durch diese Disziplinen auszudrücken, sich selbst zu erfahren und wahrzunehmen, sich zugehörig zu einer Gemeinschaft zu fühlen, sich mit anderen auszutauschen, sich zu entwickeln und seine gelernten Fähigkeiten Schritt für Schritt zu verbessern. HipHop bietet einen Raum, in dem sich die Jugendlichen unter Gleichgesinnten angenommen fühlen, ihren Bedürfnissen Ausdruck verleihen und ihre Kreativität als emotionales Ventil nutzen, um ihre, aber auch die Probleme des eigenen Umfelds anzusprechen und zu verarbeiten (die Kunst als Mittel zur verbesserten Selbstwahrnehmung und Selbstreflexion).
- Diese aktiven Möglichkeiten, der Austausch und die kommunikative Ebene, Normen und Werte, die HipHop zu Verfügung stellt werden durch eine immer passiver gewordenen Heranführung an Musik oder Kunst generell oftmals unwissend übergangen, verhindert eine ernsthafte Auseinandersetzung mit diesem Thema und macht aus Akteuren im schlimmsten Fall nur noch Konsumenten.
- Der im Konzept beschriebene Schwerpunkt des Workshops, das Rappen und Texte schreiben, soll also auch immer HipHop Kultur als Ganzes miteinbeziehen, Hintergrundwissen vermitteln und so ein Gegengewicht zu einer oftmals einseitigen medialen Darstellung bilden.
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